Senningerberg (fondsweb) - Laut David Scammell, Leiter des Bereichs britische und europäische Zinsstrategien bei Schroders haben sich an den britischen Anleihemärkten in den vergangenen Wochen die Spreads nicht sonderlich ausgeweitet. Dies ist nach den Wahlergebnissen in Großbritannien und der Schuldenkrise in Griechenland überraschend. Das Beispiel Griechenland bewies, dass Märkte gegenüber Regierungen ungnädig gestimmt sind, die zum Schutz ihrer Gläubiger nicht bereit sind.
"Anleiheinvestoren scheinen sich vielmehr damit abgefunden zu haben, dass das Defizit eher früher als später angegangen wird. Sie sind bereit, bis zur Vorlage des vollständigen Notbudgets am 22. Juni in der Warteposition zu verharren", so Scammell. Wie die jüngst veröffentlichten Staatshaushaltszahlen vom April zeigten, mache sich der Aufschwung in der Realwirtschaft langsam durch höhere Steuereinnahmen bemerkbar (und zwar auf breiter Basis: Einkommens- und Unternehmenssteuer, staatliche Versicherungsbeiträge und die Mehrwertsteuereinnahmen seien im Vergleich zum Vorjahr deutlich nach oben gegangen).
Britische Anleiheemissionen seien in den vergangenen Wochen jedoch rückläufig gewesen. "Grund dafür war die wachsende Sorge über den Fortbestand der EU-Währung und darüber, dass der Wachstumsrückgang in Europa den weltweiten Aufschwung bremsen könnte", erklärt Scammell. Als Folge gingen Angaben zufolge die Renditen britischer Staatsanleihen in den vergangenen Wochen zurück, da sich die Anleger nach möglichen sicheren Häfen umschauten. Das sei das bestimmende Thema in den meisten Märkten gewesen.
"Es darf dabei jedoch auf keinen Fall vergessen werden, dass die britische Regierung in den kommenden drei Jahren immer noch 500 Mrd. £ aufnehmen muss - eine Riesensumme, wenn man bedenkt, dass vor drei bis vier Jahren lediglich Kredite von 30 bis 50 Mrd. £ erforderlich waren", betont Scammell. Im vergangenen Jahr sei diese Zahl sprunghaft auf 220 Mrd. £ angestiegen. Doch die Bank of England (BoE) habe dem Staatshaushalt mit effektiv 200 Mrd. £ unter die Arme gegriffen.
"Im laufenden Geschäftsjahr wird die britische Regierung Staatsanleihen im Wert von rund 170 Mrd. £ ausgeben. Da die BoE diese nicht mehr kauft, fragen sich Experten, wer die Lücke füllen wird", heißt es weiter. Zwar habe es in den vergangenen Monaten Belege für steigendes Kaufinteresse aus dem Ausland gegeben. Dies könne jedoch nur anhalten, wenn die Regierung weiterhin die richtigen Botschaften aussendet. "Die Geschichte lehrt, dass es nie einfach ist, die öffentlichen Ausgaben ohne gutes Wachstum im Rücken zu kürzen", so der Experte.
"Wir sind jedoch davon überzeugt, dass die britische Koalition die notwendigen Maßnahmen ergreift, um das Defizit abzubauen und das Vertrauen bei den Anlegern wiederherzustellen. Und sollte die BoE die Geldpolitik letztendlich wieder straffen, so wird das unserer Ansicht nach in geordneter Weise systematisch und graduell vonstatten gehen. Auf dieser Basis gehen wir bei britischen Staatsanleihen von einem Renditeanstieg aus (und sind entsprechend aufgestellt). Allerdings dürfte sich dieser Anstieg in dem Rahmen bewegen, in dem die Papiere in den vergangenen zehn Jahren gehandelt wurden", sagt Scammell abschließend.
